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Publius Vergilius Maro
Aeneis I

Verg.Aen.1,50-80: Iuno bei Aeolus

 

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50    Talia flammato secum dea corde volutans
nimborum in patriam, loca feta furentibus Austris,
Aeoliam venit. hic vasto rex Aeolus antro
luctantis ventos tempestatesque sonoras
imperio premit ac vinclis et carcere frenat.
55 illi indignantes magno cum murmure montis
circum claustra fremunt; celsa sedet Aeolus arce
sceptra tenens mollitque animos et temperat iras.
ni faciat, maria ac terras caelumque profundum
quippe ferant rapidi secum verrantque per auras;
60 sed pater omnipotens speluncis abdidit atris
hoc metuens molemque et montis insuper altos
imposuit, regemque dedit, qui foedere certo
et premere et laxas sciret dare iussus habenas.
ad quem tum Iuno supplex his vocibus usa est:
65 'Aeole (namque tibi divum pater atque hominum rex
et mulcere dedit fluctus et tollere vento),
gens inimica mihi Tyrrhenum navigat aequor
Ilium in Italiam portans victosque penatis:
incute vim ventis submersasque obrue puppis,
70 aut age diversos et dissice corpora ponto.
sunt mihi bis septem praestanti corpore Nymphae,
quarum quae forma pulcherrima Deiopea,
conubio iungam stabili propriamque dicabo,
omnis ut tecum meritis pro talibus annos
75 exigat et pulchra faciat te prole parentem.'
Aeolus haec contra: 'tuus, o regina, quid optes
explorare labor; mihi iussa capessere fas est.
tu mihi quodcumque hoc regni, tu sceptra Iovemque
concilias, tu das epulis accumbere divum
80 nimborumque facis tempestatumque potentem.'
 
  1. Achten Sie darauf, wie der Dichter in den Vss. 50-59 durch die Klangfarbe der Vokale und alliterierende Konsonanten das Wehen und die Wirkung der Winde zusätzlich zum Ausdruck bringt!
  2. In Homers Odyssee erregt Poseidon, um seinem Zorn gegen Odysseus freien Lauf zu lassen, den Sturm selbst. Das ist natürlich nicht Iunos Sache. Aber warum geht sie nicht zu Neptunus, um ihre Ziele zu erreichen? Wäre er nicht der richtige Ansprechpartner für ihre Bitte gewesen? 
    Iuno weiß, dass sie Neptunus nicht für ihre Zwecke gewinnen kann. Dies geht auch später ganz klar aus Neptunus' Haltung hervor, als er dem Sturm ein Ende setzt. Er durchschaut die "doli... Iunonis et irae" (130) und weist die Winde in ihre Schranken ("quos ego!", 135). Neptunus gehört zu den Ordnungsmächten. Iuno muss also eine Intrige spinnen; sie hat nur auf unterer Ebene Chancen und das auch nur, wenn sie von dem hohen Ross der "regina deum" herabsteigt, geradezu demütig ("supplex", 64) bittet und tatkräftig besticht (71-75). 
  3. Wie werden Aeolus, sein Rang und seine Aufgabe vom Dichter charakterisiert? (Aufschlussreich wäre ein Vergleich mit seiner Darstellung in Homers Odyssee: Hom.Od.10,1ff.). 
    "Αἰολίην δ' ἐς νῆσον ἀφικόμεθ'· ἔνθα δ' ἔναιεν
    Αἴολος ῾Ιπποτάδης, φίλος ἀθανάτοισι θεοῖσιν,
    πλωτῇ ἐνὶ νήσῳ· πᾶσαν δέ τέ μιν πέρι τεῖχος
    χάλκεον ἄρρηκτον, λισσὴ δ' ἀναδέδρομε πέτρη.
    [5] τοῦ καὶ δώδεκα παῖδες ἐνὶ μεγάροις γεγάασιν,
    ἓξ μὲν θυγατέρες, ἓξ δ' υἱέες ἡβώοντες·
    ἔνθ' ὅ γε θυγατέρας πόρεν υἱάσιν εἶναι ἀκοίτις.
    οἱ δ' αἰεὶ παρὰ πατρὶ φίλῳ καὶ μητέρι κεδνῇ
    δαίνυνται, παρὰ δέ σφιν ὀνείατα μυρία κεῖται,
    [10] κνισῆεν δέ τε δῶμα περιστεναχίζεται αὐλῇ
    ἤματα· νύκτας δ' αὖτε παρ' αἰδοίῃς ἀλόχοισιν
    εὕδουσ' ἔν τε τάπησι καὶ ἐν τρητοῖσι λέχεσσι.

    [21] κεῖνον γὰρ ταμίην ἀνέμων ποίησε Κρονίων,
    ἠμὲν παυέμεναι ἠδ' ὀρνύμεν, ὅν κ' ἐθέλῃσι."

    [43] καὶ νῦν οἱ τάδ' ἔδωκε χαριζόμενος φιλότητι
    Αἴολος.

    • Aiolos wohnt in keiner finsteren Höhle mit darüber getürmten Bergmassen, sondern auf einer schwimmenden Insel, die zwar ebenfalls befestigt aber doch äußerst kultiviert ist. 
    • Die Winde, als seine Kinder personifiziert, sind keine unbeherrschten und kaum beherrschbaren Naturgewalten, sondern leben, essen, lieben und schlafen friedlich in trauter Familie vereint. 
    • Auch bei Homer hat Zeus Aiolos zum "Walter der Winde" (ταμίης ἀνέμων) gemacht. Aber er waltet seines Amtes nicht "foedere certo" (62) und "iussus" (63), sondern ὅν κ' ἐθέλῃσι . Er ist kein subalterner Befehlsempfänger, den man bestechen könnte.
    • Aiolos ist jemand der "aus Zuneigung schenkt", so schätzen ihn die Gefährten des Odysseus richtig ein, auch wenn sie sich über die Art des im Schlauch eingeschlossenen Geschenkes gewaltig täuschen.  
    • Nicht Aiolos setzt die zerstörerischen Naturkräfte frei, sondern die Gefährten des Odysseus, weil sie die Situation verkennen und sich fremdes Gut aneignen wollen. 
    R. Heinze, S. 75: <Aeolus> ist nicht mehr einfach 'der Freund der Unsterblichen', der Verwalter der Winde, sondern Herrscher und Kerkermeister, von Juppiter, der als Vorsehung die Naturkräfte in Schranken halten muss, zu diesem verantwortungsvollen Amte bestellt; als König bewohnt er nicht einfach ein 'Haus' wie bei Homer und Quintus, sondern sitzt auf hohe Burg und führt das Zepter als Zeichen seiner Würde; von dem gemütlichen Familienleben ist nicht mehr die Rede, vielmehr ist er als Hagestolz gedacht, wie Iunos Anbieten einer schönen Gattin liberum procreandorum causa zeigt; seine Waffe ist nicht der märchenhaft göttliche Dreizack, sondern die heroische Lanze."

    Wollten wir nach der Vorgabe Pöschls einem Symbolgehalt der Stelle nachspüren, so könnten wir in dem homerischen Aiolos den Herrscher erkennen, der die auseinander strebenden Kräfte seines Volkes machtvoll in Eintracht und Frieden vereint und so an den Früchten des Friedens teilhaben lässt. Er ist der Staatsmann, der den "furor impius" des Bürgerkrieges bändigt und mit dem Frieden auch den Wohlstand sichert. 
    Bei Vergil allerdings hätten wir einen untergeordneten imperator, der zwar sein Handwerk versteht, aber Parteiinteressen vertritt und, wenn er seine Befehle entgegennimmt, auch schon einmal auf den falschen Befehlsgeber hört, wenn für ihn persönlich etwas dabei herausspringt. Es ist der Staatsmann der Bürgerkriege. Nicht er wird Ordnung stiften, sondern nach ihm eine Ordnungskraft mit mehr Souveränität, hier Poseidon. 
    Insofern scheint uns der Rang, den Pöschl (33) Aeolus zuweist, zu positiv gesehen: "Der König der Winde hält die wilden Kräfte mit römischer Herrschergeste in Bann, eine Gebärde, der sich nichts Homerisches zur Seite stellen lässt. [...] Man spürt die Verwandtschaft mit der Bändigung des Furor impius durch Augustus."

  4. Wir erwarten Vs. 58 statt des Potentialis "ni faciat, maria ac terras caelumque profundum quippe ferant" eigentlich einen Irrealis, denn Aeolus macht es ja, und die Annahme, dass er es nicht mache, ist somit irreal. Wie verändert der Dichter durch den Potentialis die von uns erwartete Aussage. Ist damit eine zusätzliche Charakterisierung des Aeolus verbunden?
  5. Gliedern Sie die kurze Ansprache Iunos an Aeolus und stellen Sie fest, wie sie die Gewichte verteilt!
    65-66 Anrede an Aeolus und Begründung seiner Zuständigkeit
    67-68 Sachinformation (sehr knapp gehalten: Aeolus wird nicht aus der Sache heraus gewonnen. Die persönliche Kränkung Iunos (niederer Beweggrund) wird weniger stark betont: "gens inimica" (67) <--> "genus invisum" (38)
    69-70 Aufforderung, die Troianer zu zerschlagen

    71-75

    Iuno stellt ein Geschenk in Aussicht (Hauptgewicht der Ansprache)

.

Sententiae excerptae:
w32
85 forsan et haec olim meminisse iuvabit.
  vielleicht wird es einst Freude bereiten, sich auch daran zu erinnern.
  Verg.Aen.1,203
168 Quos ego!
  Euch werde ich!
  Verg.Aen.1,135
Literatur:

19 Funde
3543  Albrecht, Michael von
Vergil. Bucolica, Georgica, Aeneis. Eine Einführung.
Heidelberg (Winter, Heidelberger Studienhefte zur Altertumswissenschaft) 2006, 2/2007
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3877  Buchheit, V.
Das weitere Proömium der Aeneis (Aen.1,8-33). Naevius und Vergil
in: Verg.üb.d.Sendung.., Heidelberg 1963
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3649  Büchner, K.
P.Vergilius Maro. Der Dichter der Römer
Stuttgart, 3/1961 (SD aus der RE)
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3653  Conway. R.S.
P.Vergili Maronis Aeneidos Liber Primus
Cambridge 1935
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3773  Duhn, M.v.
Gleichnisse in den ersten sechs Büchern von Vergils Aeneis
Diss.Hamburg 1952
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3790  Halter, T.
Vergils Aeneis-Proömium. Eine Deutung
in: WStd 77/1964 S. -110
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3512  Jens, Walter
Der Eingang des dritten Buches der Aeneis
in: Philol. 97/1948, S.194-197
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3538  Klingner, Friedrich
Virgil. Bucolica, Georgica, Aeneis
Zürich, Stuttgart (Artemis) 1967
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3812  Lausberg, M.
Iliadisches im ersten Buch der Aeneis
in: Gymn 90/1983
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3691  Merguet,H.
Lexicon zu Vergilius
Leipzig 1912; ND: Darmstadt 1961
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3670  Salvatore, A.
Virgilio Marone,Leneide Libro I.
Naples, 1947
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3674  Stahl, H.P.
"Verteidigung" des 1. Buches der Aeneis
in: Herm.97,1969, S.346ff.
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3568  Vergil / Conington, Nettleship
Vergil (Publius Vergilius Maro): The Works of Virgil. With a Commentary by John Conington and Henry Nettleship. I-III.
London 3/1883-5/1898 (Ndr.: Hildesheim, Olms, 1963)
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3569  Vergil / Forbiger
P.Vergili Maronis opera. ad optimorum librorum fidem edidit perpetua et aliorum et sua adnotatione illustravit... Albertus Forbiger. Pars I: Bucolica et Georgica - ParsII: Aeneis I-VI Pars III: Aeneis VII-XII, carmina minora, dissertatio de Vergili vita et.. Indices.
Leipzig (Hinrichs) 4,1872-1875
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3570  Vergil / Heyne
P.Vergilii Maronis Opera, in tironum gratiam perpetua annotatione novis curis illustrata a Chr. Gottl. Heyne. Tomus I: P.Vergilii Maronis vita. Eclogen, Georgica, Aeneis I-IV. - Tomus II. Aeneis V-XII. Indices
Leipzig (Caspar Fritsch) 3,1800
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3537  Vergil / Osiander, Hertzberg
Die Gedichte des Publius Virgilius Maro:
  1. Die Idyllen und das Gedicht vom Landbau, übers. v. C.U.v.Osiander;
  2. Kleinere Gedichte, welche dem Virgil ugeschrieben werden, übers. v. W.Hertzberg;
  3. Die Aeneide, übers. v. W.Hertzberg
Stuttgart, Metzler, 1853
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3676  Weidner, A.
Commentar zu Vergil's AeneisBuch I und II.
Leipzig 1864
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3681  Williams, R.D.
The Pictures on Dido's Temple
in: CQ.N.S.X,1960,145ff.
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3682  Williams, R.D.
The Opening Scenes of the Aeneid
in: Procedings of the Virgil Society V (1965-66) 14ff
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