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Publius Ovidius Naso

Fasti - Fasten

LIBER III - lateinisch - deutsch

18. Anna Perenna (3,523-660)

 
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anmerk. Cratis ist ein kleiner Fluss in Unteritalien bei der Stadt Sybaris. Er ist Grenzfluss zwischen Lukanien und Bruttium. Sein Wasser f├Ąrbte angeblich die Haare blond.
       
  18. Anna Perenna (3,523-660)    
       
523
 
Idibus est Annae festum geniale Perennae
non procul a ripis, advena Thybri, tuis.
anmerk. Das Fest der Anna Perenna wurde an den Iden des M├Ąrz am 1. Meilenstein der Via Flaminia am linken Ufer des Tiber gefeiert. Da von dieser G├Âttin kaum etwas au├čer ihrem Namen bekannt ist, haben sich mehrere Erkl├Ąrungsversuche f├╝r ihren Kult herausgebildet. Auch etymologische Erkl├Ąrungen wie z. B. die naheliegende Verbindung mit "annus" und "perennis", nach der sie als Jahresg├Âttin f├╝r Anfang und Ende des Jahres und die Zahl der Lebensjahre zust├Ąndig w├Ąre, k├Ânnen nicht v├Âllig ├╝berzeugen. Es war ein Fest der einfachen Leute (der plebs): Man zog in den Hain der G├Âttin, legte sich mit oder ohne ein Schutzdach paarweise ins Gr├╝ne. Es wurde ausgiebig getrunken, und zwar trank man sich Jahre zu: Die Zahl der getrunkenen Becher verstand man als Hinweis auf die zu erwartenden Lebensjahre. Gesang und Reigentanz sind ein weiteres Ingredienz des Festes.
Anna Perennas heiteres Fest ist am Tage der Iden,
Nicht dem aus fremdem Gefild pilgernden Tiberis fern.
plebs venit ac virides passim disiecta per herbas
potat, et accumbit cum pare quisque sua.
sub Iove pars durat, pauci tentoria ponunt,
sunt, quibus e ramis frondea facta casa est;
pars, ubi pro rigidis calamos statuere columnis,



anmerk. Zelte oder Laubh├╝tten sind f├╝r r├Âmische Feste ungew├Âhnlich. Man kann an girechische Br├Ąuche denken. Ovid hat gern poetische Motive aus dem griechischen Bereich adaptiert, auch wenn in Rom nicht die Vorausssetzungen daf├╝r gegeben waren.
Siehe, da wallt die Menge heran, und im Rasen gelagert
Zecht man, zerstreut ringsum, P├Ąrchen an P├Ąrchen gereiht.
Ein Teil weilet im Freien, nur wenige bauen sich Zelte;
Laubige H├╝tten erbaun andre von Zweigen sich dort.
Andere richten sich auf statt tragender S├Ąule den Rohrstab;
desuper extentas imposuere togas.
sole tamen vinoque calent annosque precantur
quot sumant cyathos, ad numerumque bibunt.
invenies illic, qui Nestoris ebibat annos,
quae sit per calices facta Sibylla suos.



anmerk. Sowohl Nestor, der K├Ânig von Pylos, als auch Sibylle sind idealtypisch geradezu Inbegriff des hohen Alters.
Aber als Decke darauf dient das entfaltete Kleid.
Alles ergl├╝ht von der Sonn' und vom Wein, und so viel man der Becher
Leeret, der Jahre so viel w├╝nscht man und trinkt nach der Zahl.
Manchen erschauest du dort, der Nestors Jahre sich zutrinkt;
Manche auch bechert sich hier schier zur Sibylle hinauf.
illic et cantant, quicquid didicere theatris,
et iactant faciles ad sua verba manus,
et ducunt posito duras cratere choreas,
cultaque diffusis saltat amica comis.
cum redeunt, titubant et sunt spectacula vulgi,
 
Aber sie singen dir auch, was nur vom Theater noch festsitzt;
Frisch zu der Worte Geleit hebt sich die fl├╝chtige Hand.
Kunstlos ringeln den Reigen sie auch um den Krug in der Mitte;
Schmuck, mit entfesselten Haar, tanzet das Liebchen im Putz.
Heim gehts dann, und man schwanket dahin, und dem P├Âbel zu gaffen
et fortunatos obvia turba vocat.
occurrit nuper (visa est mihi digna relatu)
pompa: senem potum pota trahebat anus.
quae tamen haec dea sit, quoniam rumoribus errat
fabula, proposito nulla tegenda meo.
 
Gibt man, und Selige nennt jeder Begegnende sie.
Hab ich's doch selber gesehn, und der Aufzug schien des Erz├Ąhlens
Wert: einen trunkenen Greis schleppt ein betrunkenes Weib. -
Doch da im Munde des Volks man sich tr├Ągt von dem Wesen der G├Âttin,
Darf ich, dem Vorsatz treu, nimmer verschweigen die M├Ąr.
arserat Aeneae Dido miserabilis igne,
arserat exstructis in sua fata rogis,
compositusque cinis, tumulique in marmore carmen
hoc breve, quod moriens ipsa reliquit, erat:
praebvit Aeneas et cavsam mortis et ensem:
 
Schon war Dido verbannt für Äneas in trauriger Liebe,
Schon auf dem Leichenger├╝st selber zur Asche verbrannt.
├ťber der K├Ânigin Staub, ob dem Grab auf der marmornen Tafel
Stand, wie im Sterben sie noch selber befohlen, das Wort:
"Ursach' gab mir zum Tod und das Eisen zum Sterben Äneas;
ipsa sva Dido concidit vsa manv.
protinus invadunt Numidae sine vindice regnum,
et potitur capta Maurus Iarba domo,
seque memor spretum 'thalamis tamen' inquit 'Elissae
en ego, quem totiens reppulit illa, fruor.'
 
Aber dem Tode verfiel Dido durch eigene Hand."
Schutzlos stehet das Reich; ein dringen der Numider Scharen;
Jarbas, der Maure, bezieht rasch das eroberte Haus.
Fr├╝herer Kr├Ąnkung gedenk: "Schaut," sprach er, "in Didos Gem├Ąchern
Herrscht doch niemand als ich, den sie verschm├Ąhet so oft."
diffugiunt Tyrii, quo quemque agit error, ut olim
amisso dubiae rege vagantur apes.
tertia nudandas acceperat area messes,
inque cavos ierant tertia musta lacus:
pellitur Anna domo, lacrimansque sororia linquit
 
Rings in die Irre zerstreu'n sich die Tyrier, wo er sie hintreibt,
Wie nach der K├Ânigin Tod irren die Bienen umher.
Dreimal hatte zum Dreschen das Korn man der Tenn' ├╝berliefert;
Dreimal waren mit Most wieder die Kufen gef├╝llt:
Da, aus dem Hause verjagt, flieht Anna die Mauern Karthagos
moenia; germanae iusta dat ante suae.
mixta bibunt molles lacrimis unguenta favillae,
vertice libatas accipiuntque comas,
terque 'vale' dixit, cineres ter ad ora relatos
pressit, et est illis visa subesse soror.
 
Tr├Ąnenden Auges; doch bringt Opfer der Schwester sie noch.
Salben, mit Tr├Ąnen gemischt, saugt ein die vermodernde Asche;
Locken, vom Scheitel getrennt, nimmt sie als letztes Geschenk.
Dreimal "Lebe denn wohl!" spricht Anna, und fest an die Lippen
Dr├╝ckt sie die Asche, wie wenn lebte die Schwester darin.
nancta ratem comitesque fugae pede labitur aequo
moenia respiciens, dulce sororis opus.
fertilis est Melite sterili vicina Cosyrae
insula, quam Libyci verberat unda freti.
hanc petit, hospitio regis confisa vetusto:


anmerk. Coss┼źra, Cos┼źra, Coss╚│ra, Cos╚│ra (╬ܤî¤â¤â¤ů¤ü╬▒) ist eine kleine Insel zwischen Nordafrika und Malta, jetzt Pantelaria.
Rasch sind ein Schiff und Genossen bereit, und mit schwellendem Segel
F├Ąhrt sie dahin; auf der Stadt ruht, der geliebten, der Blick
Nach der dem ├Âden Kosyra ist Maltas gesegnetes Eiland,
Welches des Libyschen Meers brandende Woge besp├╝lt.
Dorthin lenkt sie und baut auf des K├Ânigs bew├Ąhrete Freundschaft;
hospes opum dives rex ibi Battus erat.
qui postquam didicit casus utriusque sororis,
'haec' inquit 'tellus quantulacumque tua est.'
et tamen hospitii servasset ad ultima munus;
sed timuit magnas Pygmalionis opes.




anmerk. Pygmalion, der K├Ânig von Tyrus, ist Didos und Annas Bruder. Er hatte Didos Gemahl Sychaeus, get├Âtet, weswegen die beiden Schwestern Tyros verlie├čen und in Nordafrika Karhago gr├╝ndeten.
Reich war Battus, ihr Freund, welcher dem Lande gebot.
Kaum hat dieser geh├Ârt von dem Schicksal beider Geschwister,
"Denk', es sei dein, dies Land," spricht er, "so klein es auch ist."
Ja, und er h├Ątte gewiss bis ans Ende sich gastlich bewiesen;
Aber mit drohender Macht sch├╝chtert Pygmalion ihn.
signa recensuerat bis sol sua, tertius ibat ,
annus, et exilio terra paranda nova est.
frater adest belloque petit. rex arma perosus,
'nos sumus inbelles, tu fuge sospes' ait.
iussa fugit ventoque ratem committit et undis:
 
Zweimal hatte die Sonne den Kreis vollendet; das dritte
Jahr sah wieder zur Flucht r├╝sten die Fl├╝chtige sich.
Drohend mit Krieg ist der Bruder genaht; Misstrauend den Waffen,
Sagte der F├╝rst: "Machtlos bin ich; dich rettet nur Flucht."
Sprach's: und sie flieht, und dem Sturm und den Wogen vertraut sie die Barke;
asperior quovis aequore frater erat.
est prope piscosos lapidosi Crathidis amnes
parvus ager, Cameren incola turba vocat:
illuc cursus erat. nec longius abfuit inde,
quam quantum novies mittere funda potest:

Mehr als selber das Meer, drohet der Bruder Gefahr.
Nah' an des Krathis Flut, wo auf Steingrund wimmeln die Fischlein,
Dehnt sich ein kleines Gefild; Kamere hei├čt es im Land.
Dorthin lenkt sie die Fahrt, und so weit, neun Male geworfen,
Reicht von der Schleuder der Stein, war man vom Ufer entfernt.
vela cadunt primo et dubia librantur ab aura:
'findite remigio' navita dixit 'aquas';
dumque parant torto subducere carbasa lino,
percutitur rapido puppis adunca noto,
inque patens aequor, frustra pugnante magistro,
 
Jetzt erst sinken die Segel, gewiegt durch die schwankenden L├╝fte;
"Rudernd durchschneidet die Flut!" schallt es vom Steuer herab.
W├Ąhrend sie eifrig sich m├╝h'n, mit den Tauen die Segel zu reffen,
Trifft das gebogene Schiff pl├Âtzlich ein st├╝rmender S├╝d.
Fort ist das offene Meer trotz allem Bem├╝hen des F├Ąhrmanns
fertur, et ex oculis visa refugit humus.
adsiliunt fluctus imoque a gurgite pontus
vertitur et canas alveus haurit aquas.
vincitur ars vento, nec iam moderator habenis
utitur, at votis is quoque poscit opem.
 
Treibt es hinaus, und dem Blick schwand das gesehene Land.
Rings auft├╝rmt sich die Flut, und empor aus den Gr├╝nden der Tiefe
W├╝hlt es; es str├Âmt in den Kiel graues Gew├Ąsser hinein.
Jegliche Kunst ist erlegen dem Sturm. Schon weicht von dem Steuer
Oder erfleht im Gebet Hilfe der Lenker des Schiffs.
iactatur tumidas exul Phoenissa per undas,
umidaque opposita lumina veste tegit.
tum primum Dido felix est dicta sorori
et quaecumque aliquam corpore pressit humum.
figitur ad Laurens ingenti flamine litus




anmerk. Die Stadt Laurentum liegt zwischen Ostia und Lavinium. Dort war nach der Sage auch Äneas gelandet.
So auf der wallenden Flut treibt hin Ph├Ânikiens Tochter
Heimatlos, und den Strom birgt sie der Tr├Ąnen im Scho├č.
Jetzt erst preiset der Mund gl├╝cksselig Dido und jede,
Deren Gebeine bereits irgend die Erde bedeckt.
Endlich im Sturm ist gescheitert das Schiff am laurentischen Ufer;
puppis, et expositis omnibus hausta perit.
iam pius Aeneas regno nataque Latini
auctus erat populos miscueratque duos.
litore dotali solo comitatus Achate
secretum nudo dum pede carpit iter,
 
Dann, als entstiegen sie kaum, schlingt es die Woge hinab.
Tochter und Reich des Latinus besa├č ├äneas, der fromme,
Dort, und das doppelte Volk hatte er zu einem vereint.
W├Ąhrend entlegenen Wegs barfu├č er am Ufergestade
Wandelt des neuen Gebiets, nur in Achates' Geleit,
aspicit errantem nec credere sustinet Annam
esse: quid in Latios illa veniret agros?
dum secum Aeneas, 'Anna est!' exclamat Achates:
ad nomen voltus sustulit illa suos.
heu, fugiat? quid agat? quos terrae quaerat hiatus?
 
Sieht er die Irrende dort; doch nicht, sie f├╝r Anna zu halten,
Findet er Mut: wie auch k├Ąme nach Latium sie!
W├Ąhrend er w├Ąget und sinnt: "Es ist Anna!" rufet Achates;
Wie sie den Namen vernimmt, wirft sie die Augen umher.
Fliehen? Wohin? Was tun? Wo finden den bergenden Winkel?
ante oculos miserae fata sororis erant.
sensit et adloquitur trepidam Cythereius heros
(flet tamen admonitu motus, Elissa, tui):
'Anna, per hanc iuro, quam quondam audire solebas
tellurem fato prosperiore dari,

anmerk. Der Cythereius heros ist ├äneas, der Sohn der in Cythera kultisch verehrten Venus. Venus hei├čt Cythereia, weil sie nach ihrer Geburt aus dem Schaum des Meeres an der Insel Cythera, die an der S├╝dspitze von Lakonien liegt, zum ersten Mal an Land ging.
Jach vor die Augen gebannt stand ihr der Schwester Geschick.
Wie er sie zittern gewahrt, da redet sie an der Kythera
Sohn, und an dein Schicksal denkt er, Elissa, und weint:
"Anna, ich schw├Âre dir hier bei dem Land, das (fr├╝her ja hast du
Selbst es geh├Ârt) das Geschick lieh mir zu besserem Los
perque deos comites hac nuper sede locatos,
saepe meas illos increpuisse moras.
nec timui de morte tamen: metus abfuit iste.
ei mihi! credibili fortior illa fuit.
ne refer: aspexi non illo corpore digna
 
Schw├Âre dir zu bei den G├Âttern zugleich, die, teilend die Irrfahrt,
Hier wurden sesshaft: gar oft schalten Sie meinen Verzug.
Doch nicht dacht' ich an Tod. Fern lag mir diese Bef├╝rchtung.
Wehe, dass st├Ąrker sie sich zeigte, denn je ich geglaubt.
Sage mir nichts! Selbst hab' ich gesehn mit den blutigen Wunden
volnera Tartareas ausus adire domos.
at tu, seu ratio te nostris adpulit oris
sive deus, regni commoda carpe mei.
multa tibi memores, nil non debemus Elissae:
nomine grata tuo, grata sororis eris.'
 
Sie, die Bessres verdient, unten in Tartarus' Haus.
Doch, hat eigner Bedacht dich zu unseren K├╝sten gef├╝hret
Oder ein Gott, lass du dir es gefallen bei uns!
Wohl noch wei├č ich, was dir, was Elissa ich alles verdanke.
Sei willkommen f├╝r dich, sei f├╝r die Schwester es mir!"
talia dicenti (neque enim spes altera restat)
credidit, errores exposuitque suos;
utque domum intravit Tyrios induta paratus,
incipit Aeneas (cetera turba silet):
'hanc tibi cur tradam, pia causa, Lavinia coniunx,




anmerk. Lavinia ist die Tochter des Latinus und Gattin des Äneas.
Sie (wo blieb ihr auch sonst ein Hoffnungsschimmer noch ├╝brig?)
Glaubet dem Wort und erz├Ąhlt, was sie erlebt auf der Flucht.
Wie sie ins Haus eintrat, in die tyrischen Kleider geh├╝llet,
Sprach ├äneas ÔÇô es schweigt rings die umgebende Schar ÔÇô:
"Dankbarkeit ist der Grund, weshalb ich, Lavinia, diese
est mihi: consumpsi naufragus huius opes.
orta Tyro est, regnum Libyca possedit in ora:
quam precor ut carae more sororis ames.'
omnia promittit falsumque Lavinia volnus
mente premit tacita dissimulatque metus;
 
F├╝hre dir zu: Ihr Brot a├č als Gescheiterter ich.
Tyrus entstammt, besa├č sie ein Reich an der libyschen K├╝ste:
Lass sie (ich bitte darum), lass sie wie Schwester dir sein!"
Alles versprechend, verbirget sie still selbstt├Ąuschenden Kummer
Tief in der Brust, und verstellt knirscht sie in heimlicher Wut.
donaque cum videat praeter sua lumina ferri,
multa palam mitti, clam quoque multa putat.
non habet exactum, quid agat: furialiter odit,
et parat insidias et cupit ulta mori.
nox erat: ante torum visa est adstare sororis
 
Als sie Geschenke darauf zu ihr offen getragen gewahret,
W├Ąhnt sie, es w├╝rden ihr wohl heimlich noch mehr zugesandt.
Was sie beginne, noch wei├č sie es nicht: doch rast sie im Hasse.
Sinnet auf Listen und will sterben, so Rach' ihr nur wird.
Nacht war's. Siehe, da schien sich zu nahen dem Bette der Schwester
squalenti Dido sanguinulenta coma
et 'fuge, ne dubita, maestum fuge' dicere 'tectum';
sub verbum querulas impulit aura fores.
exsilit et velox humili super arva fenestra
se iacit (audacem fecerat ipse timor),
 
Dido triefend von Blut, gr├Ąsslich verworrenen Haars.
"Flieh, flieh ohne Verzug aus dem Hause des Schreckens!" so sprach sie
Ächzend; indem sie es spricht, heult an den Türen der Wind.
Rasch ist sie auf und, dem Fenster entschl├╝pft, jach ├╝ber die Felder
Rast sie dahin. Tollk├╝hn hat sie der Schrecken gemacht.
cumque metu rapitur, tunica velata recincta,
currit, ut auditis territa damna lupis,
corniger hanc cupidis rapuisse Numicius undis
creditur et stagnis occuluisse suis.
Sidonis interea magno clamore per agros


anmerk. Der Numicius ist ein Fl├╝sschen in Latium, das sich in der N├Ąhe von Ardea ins Meer ergie├čt. Wie gew├Âhnlich werden Flussg├Âtter mit H├Ârnern dargestellt.
Wo sie die Furcht hintreibt im entg├╝rteten Untergewand,
L├Ąuft sie; der Hirsch rennt so, h├Ârt er der W├Âlfe Geheul.
Nieder, geh├Ârnter Numicius, zogst in die l├╝sterne Woge
Du sie und bargst sie sofort, gehet die Sag', in der Flut.
Aber man sucht indes auf der Flur die sidonische Jungfrau,
quaeritur: apparent signa notaeque pedum;
ventum erat ad ripas: inerant vestigia ripis;
sustinuit tacitas conscius amnis aquas.
ipsa loqui visa est 'placidi sum nympha Numici:
amne perenne latens Anna Perenna vocor.'
 
Lauten Geschreis, und man sieht Spuren und Marken des Tritts.
Schon ist das Ufer erreicht. Hinweise ergibt auch das Ufer.
Schweigende Wasser im Lauf hemmet der wissende Fluss.
Selber zu reten begann sie: "Des sanften Numicius Nymphe,
Immer verborgen im Fluss, Anna Perenna bin ich."
protinus erratis laeti vescuntur in agris
et celebrant largo seque diemque mero.
Sunt, quibus haec Luna est, quia mensibus impleat annum;
pars Themin, Inachiam pars putat esse bovem.
invenies, qui te nymphen Azanida dicant



anmerk. Tochter des Inachus ist Io, die von der eifersüchtigen Iuno in eine Kuh verwandelt und über die ganze Erde getrieben wurde, bis sie nach Ägypten gelangte und als Isis verehrt wurde. Ihr Sohn von Iupiter war Epaphus.
Gleich auf dem eben durchsp├╝rten Gefild froh schmausen die M├Ąnner,
Was sich am Tage begab, feiernd mit reichlichem Wein.
Einigen, weil sie das Jahr ausf├╝lle mit Monden, ist Luna,
Anderen sie Themis wohl auch, andern des Inachus Kind.
Einige nennen dich gar Azanische Nymph' und vermeinen,
teque Iovi primos, Anna, dedisse cibos.
 
Anna, dem Jupiter seist fr├╝heste N├Ąhrerin du.
 
anmerk. Es schlie├čen sich noch zwei Episoden zu Anna Perenna an: 1. Der Hinweis auf eine Anna aus Bovillae, eine alte Frau, die trotz ihrer Armut der auf den Heiligen Berg ausgewanderten plebs fr├╝hmorgens dampfende Brotfladen brachte und zum Dank nach der R├╝ckkehr der plebs nach Rom dort kultisch verehrt wurde (3,661-674). - 2. Eine Begegnung mit Mars, der durch Annas Kupplerdienste Minerva f├╝r sich zu gewinnen hoffte, aber von ihr nasgef├╝hrt wurde. Diese Episode soll erkl├Ąren, warum man auf dem Fest zotige Lieder sang (3,675-696).  
  ├ťbers. nach E. Klu├čmann bearbeitet von E. Gottwein
Sententiae excerptae:
w32
1991 'omina principiis' inquit 'inesse solent.
  Janus: "Ein jeder Beginn zeichnet die Spur des Verlaufs." / Der Anfang er├Âffnet gew├Âhnlich einen Blick auf das Ende.
  Ov.fast.1,178
1996 aera dabant olim: melius nunc omen in auro est
  Einst gab Erz man. Doch jetzt liegt besseres Zeichen im Golde
  Ov.fast.1,221
78 est deus in nobis, agitante calescimus illo.
  es ist ein Gott in uns; wenn er sich regt, ergl├╝hen wir.
  Ov.fast.6,5
1995 In pretio pretium nunc est: dat census honores
  Nichts hat Klang, als die klingende M├╝nz', Ehr' einzig der Beutel
  Ov.fast.1,217
1997 laudamus veteres, sed nostris utimur annis
  Loben die Ahnen wir gleich, wir schmiegen uns dennoch der Zeit an
  Ov.fast.1,225
1998 nos quoque templa iuvant, quamvis antiqua probemus, / aurea: maiestas convenit ipsa deo.
  Mich selbst freuen die Tempel von Gold, wenngleich ich das alte Vorzieh'; die Hoheit ziemt vor allem dem Gott.
  Ov.fast.1,223f.
1993 pluris opes nunc sunt quam prisci temporis annis
  Nicht so fragte dem Haben man nach zu den Zeiten der Ahnen
  Ov.fast.1,197.
189 tempora labuntur tacitisque senescimus annis | et fugiunt freno non remorante dies
  die Zeit entgleitet, wir altern still mit den Jahren | und es entfliehen, ohne dass ein Z├╝gel sie hemmt, die Tage
  Ov.fast.6,771
1992 tempore crevit amor, qui nunc est summus, habendi: / vix ultra quo iam progrediatur habet.
  Habgier wuchs mit der Zeit, und am h├Âchsten ist jetzt sie gewachsen; / Wollte sie weiter hinaus, fehlt' es ihr wahrlich an Raum.
  Ov.fast.1,195f.
Literatur:

7 Funde
1682  Braun, L.
Kompositionskunst in Ovids "Fasti"
in: ANRW II.31.4 (1981) 2344-2383
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1733  Fauth, W.
R├Âmische Religion im Spiegel der "Fasti" des Ovid
in: ANRW II.16.1 (1978) 104-186
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4239  Ovid / B├Âmer
Die Fasten / P. Ovidius Naso. Hrsg., ├╝bers. und komm. von Franz B├Âmer. (Text. ├ťbers. Komment.)
Heidelberg : Winter, 1957ff
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4235  Ovid / Gerlach
Publius Ovidius Naso. Fasti, Festkalender Roms. Lat.-dtsch. ed. Wolfgang Gerlach
M├╝nchen, Heimeran, 1, 1960
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4237  Ovid / Gerlach / Holzberg
Fasti : lateinisch - deutsch = Festkalender / Publius Ovidius Naso. Auf der Grundlage der Ausg. von Wolfgang Gerlach neu ├╝bers. und hrsg. von Niklas Holzberg
D├╝sseldorf : Artemis & Winkler, 3, 2006
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4238  Ovid / Green
Ovid, Fasti 1 : a commentary Green, Steven J.
Leiden [u.a.] : Brill, 2004
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4205  Ovid / Suchier
Ovids Werke, deutsch im Versma├č der Urschrift v. Suchier, Klu├čmann, Berg. Ovid II. Festkalender (Fasten) - Klagelieder (Tristien) - Briefe aus Pontus. - Haleutika - Ibis - Verzeichnis der Eigennamen.
Berlin-Sch├Âneberg (Langenscheidt) 6.A.
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