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Publius Ovidius Naso

Fasti - Fasten

LIBER III - lateinisch - deutsch

17. Matronalia (3,167-230)

 
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  17. Matronalia (3,167-230)    
       
167

"Si licet occultos monitus audire deorum
vatibus, ut certe fama licere putat,
cum sis officiis, Gradive, virilibus aptus,
anmerk. Mit dem Frauenfest der Matronalia feierten an den Kalenden des MÀrz die Frauen die Geburtsgöttin Iuno Lucina, deren Tempel an diesem Tag auf dem Esquilin geweiht worden war. Dadurch, dass die Matronalia mit dem Neujahr des Romuluskalenders zusammenfielen, sind einige NeujahrsbrÀuche eingeflossen, so dass das eigentliche Fest nicht klar erkennbar zutage tritt. Die Frauen wurden von ihren MÀnnern beschenkt und bewirteten ihrerseits die Sklaven.
"Ist es den SÀngern vergönnt, zu vernehmen der Götter geheime
Weisung (und Glauben daran zieht durch die Sage hindurch):
Sag' mir den Grund, weshalb dein Fest von Matronen begangen
dic mihi, matronae cur tua festa colant."
sic ego. sic posita dixit mihi casside Mavors
(sed tamen in dextra missilis hasta fuit):
"nunc primum studiis pacis deus utilis armis
advocor et gressus in nova castra fero.
 
Wird, da doch MĂ€nner allein passend zum Dienste fĂŒr dich?"
So meine Frage. So antwortet' Mars, sich des Helmes begebend,
Aber den Wurfspieß hielt fest in der Rechten er noch:
"Jetzt erst ladet zu friedlichem Werk man mich waffengerechten
Gott, und ich setz' in ein solch Lager befremdet den Fuß.
nec piget incepti: iuvat hac quoque parte morari,
hoc solam ne se posse Minerva putet.
disce, Latinorum vates operose dierum,
quod petis, et memori pectore dicta nota.
parva fuit, si prima velis elementa referre,
 
Doch es gereuet mich nicht. Auch hier zu verweilen, ist Freude;
Glaubte Minerva doch sonst, sie nur vermög' es allein.
Nun, so vernimm, des latinischen Jahrs mĂŒhseliger SĂ€nger,
Was du begehrst, und getreu wahre das Wort in der Brust!
Klein war Rom, wenn du willst zu den UranfĂ€ngen zurĂŒckgehn;
Roma, sed in parva spes tamen huius erat.
moenia iam stabant, populis angusta futuris,
credita sed turbae tum nimis ampla suae.
quae fuerit nostri si quaeris regia nati,
aspice de canna straminibusque domum.



anmerk. Mars umschreibt Romulus als seinen Sohn. Da sonst erst Numa der Bau einer "regia" zugeschrieben wird, muss "regia" ironisch verstanden werden. Die strohgedeckte "casa Romuli" zeigte man (zusammen mit dem "tugurium Faustuli") an der SĂŒdwestseite des Palatin. Da dort spĂ€ter dss Haus des Augustus stand, spannt Ovid so einen Motovbogen von Romulus zu Augustus.
Aber die Hoffnung auf jetzt lag in dem Keime bereits.
Mauern umgaben es schon, zu eng fĂŒr die Völker der Zukunft;
Doch weit ĂŒber GebĂŒhr schienen sie rĂ€umig zur Zeit.
Fragest du mich, welch Haus als Palast mein Sohn sich erkoren,
Schaue von Binsen und Stroh dorten die HĂŒtte dir an!
in stipula placidi capiebat munera somni,
et tamen ex illo venit in astra toro.
iamque loco maius nomen Romanus habebat,
nec coniunx illi nec socer ullus erat.
spernebant generos inopes vicinia dives,




anmerk. Zum Raub der Sabinerinnen, der angeblich am Fest des Consus durchgefĂŒhrt worden war, vgl. Liv.1,9ff. - Consus war ein altrömischer Bauerngott, der besonders fĂŒr das Einbringen der Ernte (condere) zustĂ€ndig war. Es gab auch eine etymologische Ableitung des Namens von "consilium", weil der Plan zum Frauenraub von ihm stammen sollte. Die Consualien wurden am 21.Aug. und 15.Dez. gefeiert.
Dort auf dem Halme genoss er des wonnigen Schlummers Erquickung:
Dennoch vom strohernen PfĂŒhl schwang zu den Sternen er sich.
Über die Mauern der Stadt schon dehnte der Ruhm sich des Römers;
Aber es war ihm darob Gattin und SchwÀher doch nicht.
Reich, wie der Nachbar war, verschmĂ€ht' er den dĂŒrftigen Eidam;
et male credebar sanguinis auctor ego.
in stabulis habitasse et oves pavisse nocebat
iugeraque inculti pauca tenere soli.
cum pare quaeque suo coeunt volucresque feraeque
atque aliquam, de qua procreet, anguis habet.
 
Auch ich fand nicht recht Glauben als Vater des Volks.
Abbruch tat's, dass sie wohnten im Stall und die Schafe zur Weide
Trieben und urbar nicht machten den kleinen Besitz.
Gattet und paart sich das Wild und der Vogel doch; selber die Schlange
Findet das Wesen, mit dem fort sie erhalte den Stamm.
extremis dantur conubia gentibus: at quae
Romano vellet nubere nulla fuit.
indolui patriamque dedi tibi, Romule, mentem.
"tolle preces", dixi "quod petis arma dabunt.
festa parat Conso. Consus tibi cetera dicet
 
HeiratsbĂŒndnis gewĂ€hrt man den fernsten Geschlechtern. Auf Erden
Fand nur der Römer allein keine zum Bunde geneigt.
Jammer ergriff mich; einflĂ¶ĂŸt ich dem Sohn die Gesinnung des Vaters:
»Fort mit den Bitten, das Schwert hole dir, was du begehrst!«
Romulus ordnet fĂŒr Consus ein Fest. Von dem fernern Verlaufe
illo facta die, cum sua sacra canet.
intumuere Cures et, quos dolor attigit idem:
tum primum generis intulit arma socer.
iamque fere raptae matrum quoque nomen habebant,
tractaque erant longa bella propinqua mora:

anmerk. Curēs, ium, f., die uralte Hauptstadt der Sabiner, Heimat des Titus Tatius und des Numa, von der die Quiriten den Namen haben sollen (Georges). Es ist hier metonymisch fĂŒr die Einwohner gebraucht und wird stellvertretend fĂŒr mehrere weitere sabinische StĂ€dte genannt, die aus der historischen Überlieferung bekannt sind (Liv.1,8: Caenina, Crustumerium, Antemnae). Es ist typisch fĂŒr die Dichtung, nicht breit aufzuzĂ€hlen oder VollstĂ€ndigeit anzustreben, sondern sich auf das Wesentliche, Bedeutende und ReprĂ€sentative zu konzentrieren. Der rhetorischen Fachbegriff der "pars pro toto" trifft hier, wenn ĂŒberhaupt, nur annĂ€herungsweise zu.
Meldet dir Consus, wenn du singst von der Feier des Tags.
Cures ergrimmt, und es kocht, wen sonst noch betroffen die KrÀnkung;
SchwÀher und Eidam sah da man im Kampfe zuerst.
Langhin hatte der Kampf sich gedehnt der verwandten Geschlechter:
Ja, die Geraubten zumeist nannten auch MĂŒtter sich schon.
conveniunt nuptae dictam Iunonis in aedem,
quas inter mea sic est nurus ausa loqui:
"o pariter raptae, quoniam hoc commune tenemus,
non ultra lente possumus esse piae.
stant acies, sed utra di sint pro parte rogandi,

anmerk. Romulus Gattin hieß Hersila. Dass sich die Frauen im Junotempel versammelten, ist insofern anachronistisch, weil es diesen Tempel noch nicht gab. Warum hat Ovid dieses Motiv eingebaut?
Sieh, da versammeln zum Rat sich die Frauen im Tempel der Juno;
Unter der Schar tritt auf also des Romulus Weib:
»Ihr, die mit mir geraubt (denn das ist uns allen gemeinsam),
Zeit ist's, dass sich empor raffe die Liebe zur Tat.
Seht ihr die Heere? So wÀhlt, wes Heil ihr erfleh'n von den Göttern
eligite; hinc coniunx, hinc pater arma tenet.
quaerendum est, viduae fieri malitis an orbae.
consilium vobis forte piumque dabo."
consilium dederat: parent crinesque resolvunt
maestaque funerea corpora veste tegunt.
 
Wollt! Hier drohet der Mann, dorten der Vater den Tod.
Das ist die Wahl, ob Witwen ihr wollt, ob Waisen ihr werden?
Höret den Plan, den ich mutig und liebend ersann!«
Bald ist entwickelt der Plan. Er gefÀllt, und sie lösen die Haare,
Dann in ein Trauergewand hĂŒllen den Körper sie ein.
iam steterant acies ferro mortique paratae,
iam lituus pugnae signa daturus erat,
cum raptae veniunt inter patresque virosque
inque sinu natos, pignora cara, tenent.
ut medium campi scissis tetigere capillis,
 
Fertig zum Kampf und zum Tod stehn eben gerĂŒstet die Heere;
Eben zum Angriff soll tönen des Hornes Signal:
Da mit den Kindern im Arm, den verbindenden PfÀndern der Liebe,
StĂŒrzt der EntfĂŒhreten Schar zwischen den Vater und Mann.
Wie sie zur Mitte des Felds mit ergossenen Locken gelangten,
in terram posito procubuere genu;
et, quasi sentirent, blando clamore nepotes
tendebant ad avos bracchia parva suos:
qui poterat, clamabat avum tum denique visum,
et, qui vix poterat, posse coactus erat.
 
StĂŒrzten gebogenen Knies alle zur Erde sie sich.
Ja und als rĂŒhrt' es auch sie, so streckten die Enkelchen alle
Schmeichelnden Klanglauts ihr Ärmchen entgegen dem Ahn.
Anrief, wer es vermochte, den Ahn, den nie er gesehen;
Stockte die Zunge, die Not löste das hemmende Band.
tela viris animique cadunt, gladiisque remotis
dant soceri generis accipiuntque manus,
laudatasque tenent natas, scutoque nepotem
fert avus: hic scuti dulcior usus erat.
inde diem, quae prima mea est, celebrare Kalendas
 
Lang ist entsunken den MĂ€nnern der Zorn, und das Schwert ist geborgen:
Vater und Eidam reicht, einer dem andern, die Hand.
Dankbar zieht ans Herz sich der Vater die Tochter; den Enkel
(Nie schien holder der Schild) trÀgt auf dem Schild der Ahn.
Seiddem gilt es als wichtige Pflicht den öbalischen MĂŒttern,
Oebaliae matres non leve munus habent.
anmerk. mit "Oebaliae matres" werden die Römerinnen bezeichnet (Antonomasie). Die Sage fĂŒhrt die Sabiner auf den lakedĂ€monischen König Oibalos zurĂŒck. Auch der sabinische König Titus Tatius wird Ov.fast.1,260 "Oebalius" genannt
Dass sie den Anfangstag, meine Kalenden, begehn.
 
   
Aufgabenvorschläge:
  1. BegrĂŒnde folgenden Gliederungsvorschlag und gib jedem Abschnitt eine Überschrift (nach H. Malicsek)!
    1. 167-170
    2. 171-178
    3. 179-196
    4. 197-204
    5. 205-230
  2. Warum erfindet Ovid (anachronistisch) eine Frauenversammlung im Iunotempel?
    1. Da es sich um ein Iunofestund ein Frauenfest handelt ist die Erfindung sehr passend
    2. ausschmĂŒckende dichterische Phantasie;
    3. die Szene ist erforderlich fĂŒr die Motivation des Geschehens;
    4. Ovid möchte ein fĂŒr altrömische VerhĂ€ltnisse besonderes Frauenbild darstellen.
    5. mit der Frauenversammlung als "causa" fĂŒr das Fest genĂŒgt Ovid seiner AnkĂŒndigung (Ov.fast.1,1), die "tempora cum causis" darzustellen.
    6. Wie hÀtten die Frauen sonst einen gemeinsamen Beschluss fassen können?
  Übers. nach E. Klußmann bearbeitet von E. Gottwein
Sententiae excerptae:
w31
1991 'omina principiis' inquit 'inesse solent.
  Janus: "Ein jeder Beginn zeichnet die Spur des Verlaufs." / Der Anfang eröffnet gewöhnlich einen Blick auf das Ende.
  Ov.fast.1,178
1996 aera dabant olim: melius nunc omen in auro est
  Einst gab Erz man. Doch jetzt liegt besseres Zeichen im Golde
  Ov.fast.1,221
78 est deus in nobis, agitante calescimus illo.
  es ist ein Gott in uns; wenn er sich regt, erglĂŒhen wir.
  Ov.fast.6,5
1995 In pretio pretium nunc est: dat census honores
  Nichts hat Klang, als die klingende MĂŒnz', Ehr' einzig der Beutel
  Ov.fast.1,217
1997 laudamus veteres, sed nostris utimur annis
  Loben die Ahnen wir gleich, wir schmiegen uns dennoch der Zeit an
  Ov.fast.1,225
1998 nos quoque templa iuvant, quamvis antiqua probemus, / aurea: maiestas convenit ipsa deo.
  Mich selbst freuen die Tempel von Gold, wenngleich ich das alte Vorzieh'; die Hoheit ziemt vor allem dem Gott.
  Ov.fast.1,223f.
1993 pluris opes nunc sunt quam prisci temporis annis
  Nicht so fragte dem Haben man nach zu den Zeiten der Ahnen
  Ov.fast.1,197.
189 tempora labuntur tacitisque senescimus annis | et fugiunt freno non remorante dies
  die Zeit entgleitet, wir altern still mit den Jahren | und es entfliehen, ohne dass ein ZĂŒgel sie hemmt, die Tage
  Ov.fast.6,771
1992 tempore crevit amor, qui nunc est summus, habendi: / vix ultra quo iam progrediatur habet.
  Habgier wuchs mit der Zeit, und am höchsten ist jetzt sie gewachsen; / Wollte sie weiter hinaus, fehlt' es ihr wahrlich an Raum.
  Ov.fast.1,195f.
Literatur:

8 Funde
1682  Braun, L.
Kompositionskunst in Ovids "Fasti"
in: ANRW II.31.4 (1981) 2344-2383
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1733  Fauth, W.
Römische Religion im Spiegel der "Fasti" des Ovid
in: ANRW II.16.1 (1978) 104-186
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4239  Ovid / Bömer
Die Fasten / P. Ovidius Naso. Hrsg., ĂŒbers. und komm. von Franz Bömer. (Text. Übers. Komment.)
Heidelberg : Winter, 1957ff
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4235  Ovid / Gerlach
Publius Ovidius Naso. Fasti, Festkalender Roms. Lat.-dtsch. ed. Wolfgang Gerlach
MĂŒnchen, Heimeran, 1, 1960
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4237  Ovid / Gerlach / Holzberg
Fasti : lateinisch - deutsch = Festkalender / Publius Ovidius Naso. Auf der Grundlage der Ausg. von Wolfgang Gerlach neu ĂŒbers. und hrsg. von Niklas Holzberg
DĂŒsseldorf : Artemis & Winkler, 3, 2006
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4238  Ovid / Green
Ovid, Fasti 1 : a commentary Green, Steven J.
Leiden [u.a.] : Brill, 2004
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4187  Ovid / Hauser
Publius Ovidius Naso, AusgewÀhlte Dichungen. Mit Einleitung und Namensverzeichnis hg. v. G. Herzog-Hauser. 10. Aufl. durchgesehen v. Gr. H. Malicsek. Text- und Kommentarband
MĂŒnchen, Freytag
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4205  Ovid / Suchier
Ovids Werke, deutsch im Versmaß der Urschrift v. Suchier, Klußmann, Berg. Ovid II. Festkalender (Fasten) - Klagelieder (Tristien) - Briefe aus Pontus. - Haleutika - Ibis - Verzeichnis der Eigennamen.
Berlin-Schöneberg (Langenscheidt) 6.A.
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