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Religionskritik: Ludwig Feuerbach

  1. Literatur
  2. Einleitung
  3. Darstellung
  1. Von der Religion zur Religionskritik
  2. Die genetisch-kritische Erklärung des Entstehens von Religion
  3. Die konkreten Inhalte der Religion als Projektionen des Menschen
  4. Negative Auswirkungen der Religion
  5. "Natur" als Grund des Entstehens und der Gestalt von Religion
  6. Der Atheismus als wahrer Humanismus
  7. Gottesglaube als Wunschdenken
  8. Würdigung: Bedeutung der Religionskritik Feuerbachs und kritische Anfragen
  1. Textauszüge
 
Ludwig Feuerbach
Literatur:  
H. Fries Ludwig Feuerbach, in: K-H. Weger: Religionskritik von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Freiburg 1979, S. 78-93
W. Bender / J. Deninger Religionskritik I, München (BSV) 1977, S. 15-19
 

Einleitung:

Ludwig Feuerbach (1804-1872) studierte zunächst in Heidelberg evangelische Theologie, wurde dann in Berlin Schüler G.W.F. Hegels und habilitierte sich 1828 in Erlangen. Wegen Schwierigkeiten mit den Behörden gab er das Lehramt auf und lebte als freier Schriftsteller. Feuerbach gehörte zu den führenden Köpfen der sogenannten Hegelschen Linken, die Hegels Philosophie des Geistes als Idealismus ablehnte und sich einem rigorosen Materialismus zuwandte. Erkenntnistheoretisch kann es für Feuerbach nichts Geistiges geben. Anknüpfend an den englischen Empirismus existieren für ihn nur Vorstellungen im eigenen Denken. Hegels Dialektik erscheint ihm als ein Dualismus, der überwunden werden muss. Darum kann "Gott" nichts anderes sein als eine Vorstellung des menschlichen Denkens. Das eigentliche "Selbst", die wahre "Person" - das alles ist der Mensch, der sich eine Vorstellung von Gott entwickelte, indem er seine Vernunft mit der Möglichkeit allgemeiner Erkenntnis von der konkreten Erfahrung des einzelnen abgespalten und verselbständigt hat. Das Abstraktionsvermögen ist als Transzendenz verkannt worden. Sehnsucht nach Vollendung und Selbstsucht zugleich haben Gott zum vollkommenen Wesen und zum Souverän übersittlicher Normen ge-macht. ("Theogonie" = Ursprung der Religion aus dem Egoismus). [W.Bender / J.Deninger 15]

K. Marx über Feuerbachs Bedeutung:

  • "Feuerbach ist unser größter Prophet, es gibt keinen anderen Weg zur Wahrheit als durch den Feuerbach. Er ist das Purgatorium der Gegenwart." -

  • "Die Kritik der Religion ist in Deutschland durch Feuerbach im wesentlichen beendet." (1844)

  1. Von der Religion zur Religionskritik
    1. Unter dem Eindruck Hegels 1824 Wechsel von der Theologie zur Philosophie
      • Theologie "ist für mich eine verwelkte schöne Blume, eine abgestreifte Puppenhülle, eine überstiegene Bildungsstufe, eine verschwundene formgebende Bestimmung meines Denkens, deren Andenken jedoch noch segensreich fortwirken wird in der Nachwelt meiner neu begonnenen Lebensweise... Palästina ist mir zu eng; ich muss in die weite Welt, und diese trägt bloß der Philosoph auf seinen Schultern."
    2. Etwa 1839 Abkehr von der Philosophie Hegels, die ihm zu spekulativ als "trunkene Philosophie" erscheint. Ausdruck der Umkehrung des spekulativen Denkens. Wenn Hegel behauptet "das Bewußtsein des Menschen von Gott ist das Selbstbewußtsein Gottes", so Feuerbach:
      • "Das absolute Wesen, der Gott der Menschen ist sein eigenes Wesen. Wie der Mensch denkt, wie er gesinnt ist, so ist Gott. Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis des Menschen. Aus seinem Gott erkennst du den Menschen und wiederum aus dem Menschen seinen Gott."
    3. Ergebnis: Philosophie erfolgt vom Menschen aus (der Mensch rückt an die Stelle des Absoluten bei Hegel). Dabei ist die Anthropologie Feurbachs durch ein ganzheitliches Menschenbild (Totalität) bestimmt. Die Liebe hat den Primat vor dem Denken. Totalität zeigt sich als Einheit von:
      • Denken und Sinnlichkeit
        Kopf und Herz
        Ich und Du
        Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit
        Individualität und Gattung
        Einzelgeschichte und Universalgeschichte
  2. Die genetisch-kritische Erklärung des Entstehens von Religion
    1. Urgrund für die Entstehung der Religion:
      • Bewußtsein (Denken) des Menschen, das sich (im Gegensatz zum Tier) durch Reflexivität auszeichnet. Das Menschliche Bewußtsein ist unendlich und bezieht sich auf das Unendliche. Religion hat ihren Ursprung im Wesen des Menschen, das durch die Unendlichkeit des Bewußtseins bestimmt ist.
      • Wahrheit der Religion Unwahrheit der Religion
        Religion ist das Verhalten des Menschen zu seinem eigenen unendlichen Wesen Entzweiung des Menschen mit sich selbst: Der Mensch verselbständigt das unendliche Wesen seiner selbst zu einem von den Menschen verschiedenen Wesen
        • Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde
        • Gott ist das entäußerte Selbst des Menschen.
    2. Die wahre Unendlichkeit des Menschen besteht in der das Individuum überschreitenden Menschheit, in der Gattung Mensch. Dazu gehört auch seine Universalgeschichte. Hier liegt die wahre Transzendenz des Menschen.
      Folgerungen:
      • Die Unterschiede in der Gottesauffassung (Projektionen) sind anthropologisch begründet
      • Religion gehört dem kindlichen Stadium der Menschheit an (geht der Philosophie voraus)

        "Der geschichtliche Fortgang der Religion besteht deshalb darin, dass das, was... als Gott angeschaut und angebetet wurde, jetzt als etwas Menschliches erkannt wird... Jeder Fortschritt in der Religion ist daher eine tiefere Selbsterkenntnis."

      • Keineswegs ist die Verneinung des Subjektes Gott die Verneinung der von ihm ausgesagten Eigenschaften (Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit). Nur der ist also Atheist, der die Prädikate des göttlichen Wesens leugnet.

        "Güte und Gerechtigkeit sind keine Chimären, wenn die Existenz Gottes eine Chimäre ist."

    3. Das unendliche Wesen des Menschen ist bestimmt durch die Unendlichkeit, die der Vernunft, dem Willen und der Liebe des Menschen eigen ist.
      • Der Wendepunkt der Geschichte beruht darin, dass dem Menschen bewußt wird,

        "dass der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst ist", "Homo homini deus - das ist der Wendepunkt der Geschichte."

      • Feuerbachs Intention
        • aus Gottesfreunden Menschenfreunde machen
          aus Betern Arbeiter
          aus Kandidaten des Jenseits Studenten des Diesseits
          aus Christen <ganze> Menschen
  3. Die konkreten Inhalte der Religion als Projektionen des Menschen
    1. allgemein:
      1. Gott als absoluter Geist: idealisierte Projektion (Hypostasierung) des Verstandes des Menschen
      2. Gott als absolut Gutes: idealisierte Projektion (Hypostasierung) menschlicher Moralität
      3. Gott ist die Liebe: idealisierte Projektion (Hypostasierung) menschlicher Liebe
    2. speziell christlich:
      1. Inkarnation: Sie ist nichts anderes als die Erscheinung eines menschlich fühlenden, darum wesentlich menschlichen Wesens.
      2. Trinität: Sie ist nichts anderes als das Bewußtsein des Menschen von sich selbst in seiner Totalität: Bewußtsein als
        • Verstand Ich Geist
          Wille Du Vater
          Liebe Wir Sohn
      3. Geheimnis des leidenden Gottes (Christus als "passio pura"): Es heißt nichts anderes als dass Leiden für andere göttlich ist.
        • "Wer für andere leidet, handelt göttlich, ist des Menschen Gott."
    3. Zusammenfassung:
      1. Das im Gebet apostrophierte "Du" Gottes ist das "andere Ich" des Menschen, der verwirklichte Wunsch des menschlichen Herzens und Gemütes.

        Gott ist für den Menschen das "Collectaneenbuch seiner höchsten Empfindungen und Gedanken, das Stammbuch, worin er die Namen der ihm teuersten, heiligsten Wesen einträgt."

      2. Das Wesen des christlichen Glaubens besteht darin, dass ist, was der Mensch sich wünscht. Die Grunddogmen des Christentums sind erfüllte Herzenswünsche:
        • Unsterblichkeit
        • Glück
        • Seligkeit
          • Gott das Wesen des Menschen, gereinigt von allen Schranken und Übeln
            Jenseits das von allen Schranken und Übeln gereinigte Diesseits
            Christus Erfüllung des größten Menschenwunsches: Gott zu sehen
            Christi Leiden der höchste Trost des Gemütes
            Christ Auferstehung das befriedigte Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit
  4. Negative Auswirkungen der Religion
    Grundthese Feuerbachs: Der Mensch ist Anfang, Mittelpunkt und Ende der Religion. Dieser verbale Atheismus ist wahrer Humanismus (radikale Bejahung und Befreiung der Menschen)
    Die Annahme eines Subjektes Gott ist überflüssig; denn sie erklärt nichts. Sie ist sogar abträglich:
    1. sie proklamiert die Nichtigkeit der Welt und des Menschen und führt so zu Gleichgültigkeit und Passivität [Weltverneinung]
    2. Behinderung von Wissenschaft, Fortschritt, Aufklärung, Mündigkeit und Freiheit [Fortschrittsverneinung]
    3. Verachtung von Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit [Leibverachtung]
    4. Intoleranz gegen Nichtgläubige [Intoleranz]
    5. Beeinträchtigung der Liebe durch den Glauben
      • "Der Glaube trennt und beschränkt, die Liebe eint und öffnet. Der Glaube opfert die Liebe der Ehre Gottes."
    6. Schwächung der Moral durch Verlagerung der Verantwortung weg vom Menschen: Nicht die Theologie begründet die Moral, sondern die Moral bestimmt das Wesen Gottes.
      • "Die Moral: Gerechtigkeit, Güte, Liebe hat ihre Begründung in sich selbst."

     

  5. "Natur" als Grund des Entstehens und der Gestalt von Religion
    In einer späteren Phase ("Das Wesen der Religion") setzt Feuerbach das "Wesen des Menschen" nicht mehr als unbefragte Prämisse voraus, sondern läßt sie (ebenfalls reduktionistisch) in der "Natur" verankert sein.
    • "die Natur, die bewußtlose Natur, wird bewußt in einem bestimmten Wesen, das desgleichen zu ihr gehört, aus ihr entspringt und auf sie angewiesen bleibt: dem Menschen."
    • "Die Natur oder die Gottheit zeigt sich von zwei Seiten: Ich lebe durch sie, weil sie mich schafft, erhält und mich dies beglückt; ich erfahre auch die dunklen Seiten der Natur, die mich in ihren Katastrophen untergehen läßt."
    1. Schritt: Das Göttliche wird nicht mehr als das vergegenständlichte Wesen des Menschen verstanden, sondern als Prädikat der Natur und ihrer Erscheinungen. Am zwingendsten zeigt sich die Abhängigkeit des Menschen und der Religion von dem Naturereignis Tod:
      • "Die Gräber sind die Geburtsstätten der Götter" - "Wenn der Tod nicht wäre, gäbe es keine Religion."
    2. Schritt: Für den Menschen ist es ein (letztlich egoistischer) Akt der Befreiung aus seiner Abhängigkeit von der Natur, sich von der Natur losgelöste göttliche Wirklichkeiten zu schaffen. Die Religion wird das entscheidende Mittel, womit der Mensch versucht, seine Abhängigkeit von der Natur zu überwinden. Der Egoismus (der Selbsterhaltung) ist also die tiefste Verwurzelung des menschlichen Bedürfnisses nach Religion.
      • "Was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht, macht er zu seinem Gott, oder das ist sein Gott."
      • "Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er auch keine Religion."
      • "Der Mensch glaubt an Götter, nicht nur weil er Phantasie und Gefühl hat, sondern auch weil er den Trieb hat, glücklich zu sein. Er glaubt ein seliges Wesen, nicht nur weil er eine Vorstellung der Seligkeit hat, sondern weil er selbst selig sein will; er glaubt ein vollkommenes Wesen, weil er selbst vollkommen zu sein wünscht; er glaubt ein unsterbliches Wesen, weil er selbst nicht sterben will. Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend dar. Die Götter sind als wirklich gedachten, in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen.
  6. Der Atheismus als wahrer Humanismus
    Grundlage der Religion ist für Feuerbach also die Göttlichkeit der Natur, ihr Endzweck die Göttlichkeit des Menschen, der wahre, befreitem zu sich selbst gelangte Humanismus.
    Religionskritik verfolgt das Ziel, die Götter und Gott zu entlarven, zu entmythologisieren und den Menschen sein Ziel in sich selbst finden zu lassen. Sie will den Menschen von der "Unwahrheit" der Religion befreien, von Abhängigkeit, Furcht, Hilflosigkeit, Unwissenheit. Atheismus ist nicht vollständige Leugnung:
    • "ich negiere Gott heißt, ich negiere die Negation des Menschen."
  7. Gottesglaube als Wunschdenken
    Die Götter werden in Korrelation zu menschlichen Wünschen geformt. Dieser Aspekt der "theogenen Wünsche" wird von Feuerbach besonders in der "Theogonie", dem Werk, das er selbst für sein reifstes hält, herausgearbeitet:
    • "der Wunsch ist die Urerscheinung der Götter."
    • Der Wunsch "ist ein Sklave der Not, aber ein Sklave mit dem Willen zur Freiheit."
    • "Wo der Mensch nichts mehr vermag, da kann er wenigstens noch beten, noch wünschen."
  8. Würdigung: Bedeutung der Religionskritik Feuerbachs und kritische Anfragen
    1. "Religion" wird durch Feuerbach zentrales Thema. (Sein Umgang mit den Quellen wird allerdings gern als tendenziös kritisiert);
    2. Er entwickelt die entscheidenden Kategorien moderner Religionskritik:
      1. Entzweiung. Entfremdung
      2. Projektion
      3. Entlarvung, Desillusionierung, Entmythologisierung ("frommer Atheismus") durch anthropologisch-psychologische Erklärungen der Religion als
        • Projektion des unendlichen Wesens des Menschens
        • Akt der Befreiung aus der Abhängigkeit der Natur
        • Produktion seiner Wünsche, Phantasie und Selbstbejahung
    3. Er deckt vielfältiges Fehlverhalten der Religion und besonders des Christentums im Verlauf ihrer Geschichte auf (Intoleranz, Passivität, Machthunger,...). Man kann kritisieren, dass er neben dem "Unwesen" der Religionen ihre Leistungen zu kurz kommen läßt.
    4. Kritik an Feuerbach:
      1. Vorwurf der "petitio principii" (Erschleichung des Beweisgrundes durch unbewiesene Voraussetzungen: "unendliches Wesen des Menschen", "Natur" und "Egoismus" sind metaphysisch vorbelastete Begriffe und bleiben unklar).
      2. Vorwurf des Psychologismus: die psychologische Erklärung einer Sache sage noch nichts über deren Realität aus: E.v.Hertmann: "Wenn die Götter Wunschwesen sind, so folgt daraus für die Existenz oder Nichtexistenz gar nichts." Feuerbach beweist nichts, sondern stellt eine bloße Gegenthese auf: "homo homini deus" statt "deus homini homo".
      3. Gegenfrage: "Ist das Brot das Produkt des Hungers und das Licht das Produkt der Augen? Sollen die Religion und das Christentum ihre Wahrheit vielleicht dadurch beweisen, dass sie keinem Bedürfnis des Menschen entsprechen und dass sie keinen seiner Wünsche erfüllen?
      4. Feuerbach erklärt zwar Gott, aber er erklärt nicht die Welt und den Menschen. Er stellt der traditionellen These: "Die Menschen erklären sich von Gott her" die Umkehr-These "Gott erklärt sich von dem Menschen her" entgegen. Wie aber verteilen sich Glaubwürdigkeit und Leistungsfähigkeit?
    5. Feuerbach erklärt den "Anthropomorphismus" Gottes als Ergebnis der Projektion des Menschen auf Gott. Ist er nicht eher das Ergebnis des "Theomorphismus" (M. Scheler) des Menschen als Geschöpf von Gott her?
Sententiae excerptae:
w45
Literatur:

4 Funde
4323  Kern, W. / Kasper, W.
Atheismus und Gottes Verborgenheit
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.22, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1982
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4274  Lobkowicz, N. / Ottmann, H.
Materialismus, Idealismus und christliches Weltverständnis
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.19, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1981
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1433  Rechenauer, G.
Rez. von SCHÄFER, Chr.: Xenophanes von Kolophon. Ein Vorsokratiker zwischen Mythos und Philosophie.
Stuttgart: Teubner, 1996. Gymnasium 106, 1/1999, 57-59.
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1434  Schäfer, Chr.
Xenophanes von Kolophon. Ein Vorsokratiker zwischen Mythos und Philosophie.
Stuttgart: Teubner, 1996
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